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1. Wann und wie hatte sich BLUTTAT gegründet?
Bluttat gründete sich 1981 aus den „Resten“ von Pissrinne
(JOR, Ralph, Hans-Uwe), die im Rahmen einer Fabrikbesetzung (alte
Malzfabrik in MH, autonomes Kulturzentrum) auf eine forsch freche 14-jährige
Göre aufmerksam wurden: Anja (=Atti). Fortan wurde in schwindelerregender
Höhe (25 Meter, 7ter Stock) auf einer 3 x 4 Meter großen Plattform mitten in
einem alten Silo geprobt und gepogt: Bluttat hatte sich gefunden… Intention:
Musik machen, Fun, Rauchen, Pogen, Alkohol und viel, viel politische
Aktivitäten, lange Sessions, wenig Schlaf, ab und an ein wenig Sex…
Weiter 1. Was habt Ihr damals, als Ihr angefangen hattet,
mit Punk Rock verbunden?
Anders sein, frei sein, auffallen,
Revolution, Anarchie, wir wollten die Gesellschaft verändern/verbessern, auf
politische und soziale Missstände aufmerksam machen; Spaß musste es
natürlich auch machen, wir wollten uns die Aggis rausschreien (auf positive
Weise), andere mitziehen, wir hassten das Belehrertum und jeden erhobenen
Zeigefinger (Ihr wollt nur unser Bestes, aber das kriegt ihr nicht…). Aber
die Musik stand immer im Vordergrund, war das Vehikel, unsere Droge, und
schnell musste sie sein… Wir haben uns im Dreck gesuhlt, gekloppt, geliebt
und sind gemeinsam kreativ in Bluttat verschmolzen.
ATTI: Für mich war wichtig, dass Punk Mucke auch
immer politisch Position bezog indem weltpol. Machtverhältnisse und/oder
gesellschaftl. Verkrustungen schnell + für Viele (per Mucke) verständlich
machte. Allein dass das „Abgerissen Rumlaufen“ provozierte, zeigte einem
schnell wie dünn die Makulatur über die nie abgelegte Nazimentalität + deren
Sprache (Ungeziefer, vergasen, einsperren) gepinselt war ……………………………
……………………………. Hätte vielleicht doch nicht an der lustigen Zigarette ziehen
sollen :-)
2. Welche musikalischen Einflüsse waren Anfang der 80er
Jahre für Euch wichtig?
Alles was Punk-Rock für uns war…
vor allem aber Pissrinne, da einige Stücke mit Bluttat weiterlebten
(Kreiswehrersatzamt Mettmann, Nötigung etc.).
Natürlich auch Einflüsse von John Peels Music, Clash, Discharge, Crass, U.S.
HARDCORE!!! X, Germs, Birthday Party, Bad Brains, Black Flag, DK, No means
No; Victims Family……………(please stop us!!!!)
3. Wie sah die Punk Rock Szene im Ruhrgebiet damals aus?
Die Szene war damals politisch und
solidarisch. Gemeinsam wurden Häuser besetzt, mit den kommunalen Behörden
gestritten, mit den Bullen diskutiert und geschlagen. Die linken Punks waren
aktiv, rechte gab es nur ganz vereinzelt (wenn überhaupt). Die Szene war
harmonisch und trotzdem heterogen. Man fiel als Punk (damals noch
unangenehm!!!) auf und bediente nicht die Mode „von der Stange“: Die Nieten
haben wir noch selber in die Arm- und Halsbänder geschlagen… Die Hosen
hatten Löcher vom Verschleiß und vom Domestos, nicht schon im Geschäft. Es
gab eine funktionierende Kommunikationsstruktur, wir Punks trafen uns,
hielten zusammen und uns gegenseitig auf dem Laufenden. Und das alles nicht
zuletzt durch die Fanzines (großartig zusammengefrickelt, schlecht kopiert
but Alles drin!!!+) Überall lungerte der Helge rum, recherchierte,
interviewte und war bestens informiert :-)
4. Ihr habt Euch ziemlich schnell einen guten Ruf
erspielt. Wo habt Ihr damals überall gespielt?
Es gab in Deutschland Anfang der 80er noch nicht so viele
Bands, die so einen „abgefuckten“ Sound machten wie wir. Hinzu kam, dass wir
vier völlig unterschiedliche Persönlichkeiten mit jeweils eigenen Ideen und
Zielen waren (und noch sind), die sich gegenseitig zugelassen haben und
damit nicht einer geraden Linie folgten aber sich im gemeinsamen Angelpunkt
des Punk blind verstanden. Dabei ist irgendwie ein verspielter, gefummelter,
eigener Sound herausgekommen, zu dem eine gewisse Nachfrage vorhanden war.
Und nicht zuletzt: Wer hatte schon eine süße, kleine, freche, versaute
Frontmaus mit einer versoffenen, rauchigen Stimme, die Bluttat nach vorne
hin verkörperte? Wir waren einfach da und haben uns ein Netzwerk geknüpft.
Kurzum: Wir waren jedes Wochenende unterwegs, in besetzten Häusern, kleinen
Hallen, Festivals, Kneipen in ganz „West“-Deutschland inkl. Berlin, damals
noch eingemauert. Wir waren überall dabei, für Freibier, Spritgeld und
Penngelegenheit ging bei uns alles… Wir wollten raus und spielen!!! Wie kann
sich jemand aus einer anderen Generation eigentlich erdreisten, von einer
„Geilen Zeit“ zu singen???
5. Eure erste Mini LP "Liberté" war eine
Eigenproduktion? Habt Ihr kein Plattenlabel gefunden, was an Euch
interessiert war?
Wir wollten nicht „gelabelt“
werden, frei bleiben, selber machen. Wir wollten unsere erste Scheibe im
Proberaum aufnehmen, uns dabei besaufen, bekiffen, Fun haben, unserer
eigenen Linie treu bleiben, wir wollten rau, authentisch und nicht verbogen
klingen, unser eigener Herr/Frau sein… unser Cover selber gestalten, die
Sounds, Texte selber bestimmen und uns nicht reinpfuschen lassen! Ein
Student mit entsprechenden finanziellen Mitteln finanzierte und produzierte
Liberté nach unseren Vorgaben. Um´s „Kohle machen“ ging´s uns nicht, wir
wollten unseren Sound „unters Volk bringen“ und uns dabei „selbst
befriedigen“. Atti: Abgesehen von „Liberté“
möchte ik aber auch an MIKE JUST (Staving Missile Records) erinnern, der die
weiteren Scheiben produziert hat!!!! Und auf das „OX“ #73, Sep./Okt. 2007
verweisen – Zitat (S.39):“ Wirklich Freude gemacht hat alles mit und um
MUSIKANT, BLUTTAT – Anja war die erste Frau, die mir ein Küsschen gegeben
hat und die Band war ihrer Zeit weit voraus...“!!!! Gruß auch an Pattrick
von Assel – Records aus Göttingen, der die LIBERTE und die N`Kululeko 2005??
mit den Original-Covern neu verlegt hat!!!! + uns bei ner Reuniontour auch
ne Singel finanzieren würde!!! Nicht zu
vergessen an dieser Stelle auch Rüdiger Thomas, von Teenage Rebel Records
der das „alte“ Vinyl auf digitale Silberlinge „gepresst“ hat. Irgendwie
bringen wir heute mehr Records unters Volk, als damals…, und last but not
least: Vor all dem Vinyl und digitalen Silberscheiben gab es auch noch
Christus aus Oberhausen, der mit seinen „Christus Production“-Tapes für
erste Verbreitungen von unserem Shit sorgte (ja, ja, vor dem digitalem
Zeitalter gab es damals noch "Kassetten", das waren so kleine Plastikgehäuse
mit ´nem Magnetband drin, die haben fürchterlich "gerauscht". Kennt das noch
wer??????)
6. Welche Themen waren Euch damals wichtig in Euren
Liedern?
Wir wollten unsere politische Ausrichtung kommunizieren
und gleichzeitig unseren eigenen Herzschmerz verarbeiten und auch verrückt
sein… spinnen, Fun haben. Aber wir wollten immer eine Botschaft senden, an
alle die es interessierte, oder eben auch nicht. Die Texte spiegelten oft
eigene Erfahrungen oder Baustellen wieder (Kreiswehrersatzamt, Nkululeko,
Südafrika, Apartheid, Kohl, AntiFa, Bundeswehr (wer wollte da schon hin),
Kriegsdienstverweigerung). Schaut euch einfach die Texte an!!!
7. Welchen Stellenwert hatten für Euch Fanzines? Wie sah
die Kommunikation innerhalb der Szene aus?
Fanzines waren (auch international z.B. Maximum
Rock`n`Roll...) anyway die einzige „Fachliteratur“ at this time!!! Wenn
Bands im Radio gespielt wurden (was außer bei PEEL nie!!! vorkam) oder in
irgendwelchen, äh, „Zeitschriften“?? erwähnt wurden war das = total
uninteressant = kann kein Punkrock bzw. Hardcore sein!!!
Fanzines waren auch das wichtigste Medium neben Platten,
Hörensagen und Auftritten auf sich, Gesinnungen, `What happens` aufmerksam
zu machen. Atti war unsere PR Frau, die hat sich um den ganzen Krempel
äußerst kreativ und ausdauernd erfolgreich kümmerte. Das Wichtigste für uns:
Wo können wir spielen? Was gibt´s da zu trinken? Wo können wir pennen und
wer zahlt den Sprit? Wo laufen gute Konzerte? Was gibt´s an neuen Bands?
Welche Kneipe macht neu auf oder gibt´s schon gar nicht mehr, wo ist ein
Haus besetzt worden (ey, da müssen wir sofort hin!!!) Wen können wir wo
wieder treffen?
8. Habt Ihr jemals eine Tour gespielt? Wieviele Konzerte
habt Ihr während Eures Bestehens gespielt?
Wir waren immer auf Tour, keine wochenlangen
Kalender-Abreiß-Auftritte, aber stete Präsenz in ganz Deutschland. Lange
Touren ließen sich damals nicht finanzieren, aber unterm Strich sind wir auf
mindestens 250 Gigs gekommen und bei plus/minus gar nichts gelandet (aber
das wollten wir ja auch gar nicht!!!). Man mag es heute nicht
glauben, aber Anfang der 80´er spielten wir auf Festivals u. a. mit den
Toten Hosen, auf denen Bluttat die Headliner waren... P.S. Möge ihnen
die1Live Krone für 25 Jahre kommerziellen Punk gegönnt sein... Kaum zu
glauben, wie sich manche Dinge im Laufe der Jahre (ja, hallo, wir sprechen
hier ja schon von Jahrzehnten) entwickelt haben...
9. Circa Mitte der 80er Jahre hatte sich der Punk Rock
vom England-beeinflußten Punk Rock hin zum stark Amerika beeinflussten
Hardcore entwickelt. Wie habt Ihr das damals empfunden?
1983 veröffentlichten wir unsere LP „Nkululeko“: Wütender,
treibender Hardcore Punk mit politischen und persönlichen Texten. Dass sich
viele englische und amerikanische Bands später dem Hardcore zugewendet
haben, fanden wir nur natürlich. Bluttat hat sich immer „selbständig“
weiterentwickelt, gehört haben wir aber immer alles, letztlich war es egal,
wo der Sound herkam. Hauptsache er war gut, authentisch und ehrlich.
10. Wie habt Ihr das Szenen Netzwerk Mitte der 80er Jahre
empfunden im Vergleich zum Anfang der 80er Jahre?
Hatte die linke Punk-Szene Anfang der 80 Jahre fast einen
Alleinvertretungsanspruch, so organisierte sich die rechte Szene mittels
Fascho-Punks und Skins Mitte der 80er zusehends. 1984 streckten sich uns bei
einem Konzert in der Wuppertaler „Börse“ rechte Arme entgegen. Das Publikum
teilte sich in 2 Hälften und rief rechts „Deutschland“ und links „Nazis
verrecke“. Das war neu für uns und für viele, die diese Zeit damals
erlebten. Der „Feind“ war nun innerhalb der vermeintlich eigenen Reihen.
Einher trat auch gleichzeitig die Kommerzialisierung des Punks als
Modeerscheinung. Frisur, Kleideraccessoires fanden Eintritt in den Kommerz.
11. Wann habt Ihr Euch aufgelöst? Was war der Grund
dafür? Was war Euer letztes Konzert?
Mit dem Weggang von Atti (jetzt seit Jahren Sängerin bei
der legendären Berliner Mädelsband PAYBACK5 (my space/ payback5) u.a.
Support von T.S.O.L.; Me First & the Gimme Gimmes; Rancid; Fuzztones....und
als letztes Jingo de Lunch 20 Anniversary Reunion Tour) irgendwann Mitte der
80er nach Berlin (ja, muss die Frau denn unbedingt Kunst in Berlin
studieren?), war Bluttat nicht nur der Stimme, der Frontfrau sondern auch
einer der vier Seelen beraubt. Bluttat funktionierte nur in der
Konstellation aus Anja, Ralph, Hans-Uwe und JOR. An das letzte Konzert kann
sich aus Trauer und dessen Bekämpfung niemand mehr erinnern, irgendeines der
zahlreichen wird es wohl gewesen sein…
12. Habt Ihr in den letzten Jahren noch einmal zusammen
gespielt?
1999 konnten wir uns nicht mehr halten. Es musste eine
Reunion geben, zu groß war die Nachfrage und der Druck, die alte Zeit noch
einmal aufleben zu lassen: Gesagt, getan! „Stay Wild Festival“ im „Wild at
Heart“ in Berlin und Gig im „AZ“ in Mülheim… Die Proben dazu gestalteten
sich schwierig, Anja in Berlin, Ralph in München, JOR und Hans-Uwe in
Mülheim. Aber wo ein Wille, da auch ein Bluttat-Punk-Konzert: Viele alte
(und neue) Punk-Kollegen krochen aus ihren Katakomben und feierten mit
Bluttat 1999 die Reunion, die „gute alte Zeit“ und sich selber!!! Fazit der
Reunion: War nen geiler Höllenritt !!!!!!!!!!!!!!!!
P.S. Wir arbeiten an der nächsten…..
To be continued….. |
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